Mein Sohn war ein Schreibaby.
Viele Monate lang schrie er viel. Sehr viel.
Ich war müde. Überfordert. Und irgendwann auch verzweifelt, weil nichts wirklich zu helfen schien. Ich las Bücher, hörte Ratschläge, probierte alles Mögliche aus. Doch mein Sohn schrie weiter.
Und ich verstand nicht, warum.
Also begann ich zu suchen. Nicht nach schnellen Lösungen, sondern nach einem tieferen Verständnis.
Ich begann mich intensiv mit dem Nervensystem zu beschäftigen. Mit der Frage, was eigentlich im Gehirn passiert, wenn ein Mensch überfordert ist. Und warum manche Kinder scheinbar viel schneller an ihre Grenzen kommen als andere.
Dabei wurde mir etwas Entscheidendes klar: Mein Sohn schrie nicht, weil er „schwierig“ war.
Er schrie, weil sein Nervensystem überlastet war.
Er nahm Reize stärker wahr, fühlte intensiver und geriet schneller in innere Spannungen. Gleichzeitig fiel es ihm schwerer als anderen Kindern, sich wieder zu regulieren.
Was nach außen wie Schreien aussah, war in Wirklichkeit ein Nervensystem, das verzweifelt versuchte, mit zu viel innerer Spannung umzugehen.
Und plötzlich sah ich etwas, das weit über unsere Situation hinausging.
Mein Sohn zeigte mir die vielleicht roheste Form dessen, was in jedem Menschen angelegt ist.
Denn jeder Mensch hat ein Nervensystem, das auf Sicherheit, Stress und Überforderung reagiert. Wenn es reguliert ist, können wir denken, zuhören, Lösungen finden und in Verbindung bleiben. Wenn es überlastet ist, reagieren wir impulsiver. Wir werden schneller wütend, ziehen uns zurück oder geraten in Konflikte.
Die Muster, die ich bei meinem Sohn gesehen habe, existieren in Wirklichkeit bei uns allen.
Nur zeigen sie sich später in anderen Formen.
In Stress.
In Überforderung.
In Wutausbrüchen oder Rückzug.
Und sehr häufig in Konflikten zwischen Menschen.
Mit der Zeit wurde mir klar: Viele Konflikte entstehen nicht, weil Menschen nicht miteinander reden können – sondern weil ihre Nervensysteme gerade nicht reguliert genug sind, um Lösungen zu finden.
Aus dieser Erkenntnis entstand das Zustandsbarometer – ein Modell, das sichtbar macht, in welchem Zustand sich ein Mensch gerade befindet und was sein Nervensystem in diesem Moment braucht, damit Verbindung, Orientierung und Lösungen wieder möglich werden.
Was mit dem Versuch begann zu verstehen, warum mein Baby schreit, wurde zu einer größeren Frage:
Was passiert eigentlich mit uns Menschen, wenn unser Nervensystem unter Druck gerät – und wie können wir lernen, bewusster damit umzugehen.
