Das Konflikthelden Modell

Warum eskaliert eine Situation, obwohl du eigentlich etwas ganz anderes wolltest?

Warum reagiert ein Kind anders als erwartet?

Warum weißt du eigentlich, was du tun möchtest – und bekommst es in diesem Moment trotzdem nicht hin?

Warum reicht manchmal ein kleiner Auslöser, und ein anderes Mal steckt ihr dieselbe Situation ganz gut weg?

Und warum hilft es oft nicht, einfach noch einmal darüber zu reden?

Wenn uns ein Verhalten stört, schauen wir meistens zuerst auf das Verhalten selbst.

Wer macht was? Was sollte anders sein? Wer muss sich verändern?

Das ist verständlich. Aber Verhalten erzählt nicht die ganze Geschichte.

Ein Mensch tut nicht einfach etwas, weil er „so ist“.

Was wir sehen, ist das Ergebnis eines Prozesses, den wir von außen nicht vollständig sehen können.

Deshalb beginnt das Konflikthelden-Modell mit einer einfachen Frage:

Was passiert hier gerade wirklich?


1. Verstehen

Verstehen bedeutet zuerst, genau hinzuschauen.

Was ist tatsächlich zu beobachten? Was daran stört mich? Passt dieses Verhalten gerade nicht zu dem, was die Situation verlangt? Oder treffen hier unterschiedliche Bedürfnisse, Anforderungen oder Wirklichkeiten aufeinander? Und was könnte gleichzeitig in dem Menschen passieren, der sich so verhält?

Denn auch innerhalb eines Menschen kann Verschiedenes gleichzeitig passieren.

Jemand kann Nähe wollen und gleichzeitig Abstand brauchen.

Etwas tun wollen und gleichzeitig nicht wissen, wie.

Mitmachen wollen und gleichzeitig völlig erschöpft sein.

Ruhig bleiben wollen und gleichzeitig merken, dass es gerade nicht gelingt.

Das können innere Konflikte sein.

Vielleicht gibt es aber auch einen Konflikt zwischen Mensch und Umgebung.

Oder einen Konflikt zwischen Menschen.

Konflikte gibt es auf verschiedenen Ebenen.

Sie sind deshalb nicht automatisch das Problem.

Und wir können nicht einfach vom Verhalten auf einen inneren Zustand schließen.

Wir können nicht sehen, was im anderen Menschen tatsächlich passiert.

Wir können nur beobachten und daraus Hypothesen bilden.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Denn wenn wir verstehen wollen, warum jemand etwas tut, müssen wir nicht vorschnell entscheiden:

„Der macht das, weil …“

Wir können stattdessen fragen: Was könnte gerade gleichzeitig passieren?


2. Regulieren

Verständnis reicht oft nicht aus, um Handlungsfähig zu bleiben.

Du weißt vielleicht genau, dass dein Kind gerade überfordert ist – und trotzdem wird die Situation nicht leichter.

Oder du erkennst, dass du selbst an deiner Grenze bist, kannst aber nicht einfach auf Knopfdruck anders reagieren.

Das liegt nicht automatisch daran, dass dir Wissen oder Wille fehlen. Menschen sind nicht jederzeit gleich verfügbar. Der aktuelle Zustand beeinflusst, was ihnen in diesem Moment zur Verfügung steht.

Was grundsätzlich möglich ist, muss in einer bestimmten Situation nicht unbedingt auch abrufbar sein.

Regulieren bedeutet, Bedingungen so zu verändern, dass Verarbeitung und Handlungsfähigkeit wieder besser möglich werden.

Was dabei genau hilft, hängt von der Situation ab.


3. Navigieren

Erst dann stellt sich die nächste Frage:

Was machen wir mit dem, was nicht gleichzeitig möglich ist?

Du bist unruhig. Und sollst still sitzen.

Du möchtest reden. Dein Partner nicht.

Du brauchst eine Pause. Jemand anderes braucht deine Unterstützung.

Du möchtest etwas durchsetzen. Dein Gegenüber möchte etwas anderes.

Du musst dich konzentrieren, bist mit den Gedanken aber wo anders.

Das ist ein Konflikt.

Navigieren bedeutet, mit solchen Unvereinbarkeiten umzugehen.

Nicht jeder Konflikt lässt sich auflösen. Aber du kannst lernen, anders mit ihm umzugehen.


Verstehen. Regulieren. Navigieren.

Das ist der Kern des Konflikthelden-Modells.

Verstehen, was gerade passiert – im inneren Erleben, in der Situation und zwischen den Menschen.

Regulieren, was beeinflussbar ist, damit wieder mehr Handlungsfähigkeit zur Verfügung steht.

Navigieren, was trotzdem nicht gleichzeitig möglich ist.

Nicht mit dem Ziel, Konflikte zu verhindern.

Sondern mit einem anderen Blick darauf, was in ihnen passiert und welche Möglichkeiten du hast.

Dabei hilft es folgendes auseinanderzuhalten:

Ein Konflikt ist nicht automatisch ein Problem.

Ein Verhalten ist nicht automatisch eine Erklärung.

Und eines Eskalation entsteht nicht deshalb, weil ein Konflikt vorhanden ist.

Konflikte sind da. Die entscheidende Frage ist, ob wir sie in unserem jeweiligen Zustand navigieren können.

Wenn dafür gerade nicht genug Handlungsfähigkeit zur Verfügung steht, kann die Situation eskalieren.

Dann hilft es meistens nicht, einfach noch mehr über den Konflikt zu reden.

Dann braucht es zuerst etwas anderes.

Verstehen. Regulieren. Und dann navigieren.


Du willst das Konflikthelden-Modell besser kennenlernen?

Das Modell ist kein Weg, Konflikte loszuwerden.

Es ist ein anderer Blick auf das, was in ihnen passiert.

Du musst nicht jedes Verhalten gutheißen.

Du musst nicht jede Situation verhindern.

Und du musst nicht immer ruhig und perfekt reagieren.

Aber du kannst lernen, genauer hinzuschauen:

Was sehe ich? Was könnte dahinter passieren? Was steht mir und den anderen gerade zur Verfügung? Was braucht es, damit wieder Handlungsfähigkeit entsteht? Und was ist jetzt trotzdem nicht gleichzeitig möglich?

Genau dort beginnt Konfliktkompetenz.