Zwischen dem, was passiert, und dem, was wir tun, passiert etwas.
Du sagst etwas zu deinem Partner.
Dein Kind bekommt eine Aufforderung.
Jemand kritisiert dich.
Und darauf folgt ein Verhalten wie Rückzug oder Wut.
Aber das gezeigte Verhalten entsteht nicht einfach direkt aus dem, was von außen passiert.
Dazwischen liegt:
Verarbeitung.
Ein Mensch nimmt wahr, was passiert, ordnet es ein, verarbeitet Informationen und reagiert darauf.
Dieser Prozess läuft nicht bei jedem Menschen gleich ab.
Und auch bei einem Menschen selbst kann er sich von Situation zu Situation verändern.
Derselbe Input führt nicht automatisch zum selben Verhalten
Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und völlig unterschiedlich darauf reagieren.
Ein Kind bekommt gesagt:
„Jetzt ist Schluss. Wir gehen nach Hause.“
Das eine Kind zieht sich an.
Das andere beginnt zu weinen.
Ein drittes wird wütend.
Und ein viertes läuft weg.
Die Aufforderung war dieselbe.
Das Verhalten ist unterschiedlich.
Das bedeutet nicht, dass eines der Kinder „richtig“ und die anderen „falsch“ verarbeitet haben.
Es zeigt zunächst nur:
Was bei einem Menschen ankommt, wird nicht einfach 1:1 in Verhalten übersetzt.
Auch derselbe Mensch reagiert nicht immer gleich
Vielleicht kennst du das von dir selbst.
An einem Tag kannst du eine Bemerkung einfach stehen lassen.
An einem anderen Tag bringt dich genau diese Bemerkung auf die Palme.
Du weißt vielleicht sogar:
„Eigentlich ist das gar nicht so schlimm.“
Und trotzdem reagierst du anders, als du es dir vorgenommen hast.
Das Verhalten hat sich verändert.
Nicht unbedingt, weil sich die Situation so stark verändert hat.
Sondern weil auch die Verarbeitung nicht unabhängig davon passiert, wie ein Mensch gerade verfügbar ist.
Was einem Menschen in einem Moment leichtfällt, kann ihm in einem anderen Moment schwerfallen.
Verarbeitung ist nicht bewusstes Nachdenken
Wenn wir von Verarbeitung sprechen, meinen wir nicht nur:
„Ich denke über etwas nach und entscheide mich dann.“
Vieles passiert, ohne dass wir es bewusst steuern.
Wir nehmen etwas wahr.
Unser Körper reagiert.
Wir ordnen ein, was passiert.
Wir erinnern uns an Erfahrungen.
Wir nehmen Anforderungen wahr.
Wir richten Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge.
Und daraus entstehen Möglichkeiten zu handeln.
Vieles davon passiert schnell und gleichzeitig.
Deshalb können wir unser eigenes Verhalten nicht immer vollständig erklären.
Und bei anderen Menschen können wir noch weniger wissen, was genau in diesem Prozess passiert.
Wir können Verarbeitung nicht direkt sehen
Das ist für das Verständnis von Verhalten entscheidend.
Wir sehen den Output – das Verhalten, das der Verarbeitung heraus sichtbar wird.
Die Verarbeitung von Reizen, die das Verhalten hervorbringen können wir nicht direkt beobachten.
Wir können sie nur erschließen.
Deshalb bleibt eine Erklärung immer eine Hypothese, solange wir sie nicht wissen.
Die Zustandsbarometer können dabei helfen, Beobachtungen zu sortieren und erste Hypothesen darüber zu bilden, wo gerade Kapazität gebunden sein könnte und welche Reize gerade verarbeitet werden und wo gerade Kapazität gebunden sein könnte.
Wenn jemand die Tür zuschlägt, können wir nicht allein daraus erkennen, ob er wütend, verletzt, überfordert oder einfach in Eile ist.
Wir können danach fragen.
Wir können die Situation betrachten.
Wir können den Menschen selbst fragen.
Aber wir sollten nicht so tun, als könnten wir seine Verarbeitung von außen eindeutig erkennen.
Verarbeitung ist nicht beliebig
Dass Verarbeitung nicht direkt sichtbar ist, bedeutet nicht, dass sie zufällig passiert.
Menschen bringen Erfahrungen mit.
Sie haben gelernt, Situationen auf bestimmte Weise wahrzunehmen und darauf zu reagieren.
Sie haben unterschiedliche Voraussetzungen.
Und sie befinden sich nicht immer im gleichen Zustand.
All das beeinflusst, wie etwas verarbeitet werden kann.
Deshalb kann ein Mensch in einer Situation Handlungsmöglichkeiten sehen, die einem anderen gar nicht zugänglich sind.
Und deshalb kann derselbe Mensch zu einem Zeitpunkt etwas können, was ihm in einem anderen Moment nicht zur Verfügung steht.
Hier kommen wir zu einer wichtigen Frage:
Was steht einem Menschen in diesem Moment überhaupt zur Verfügung?
Verarbeitung erklärt Verhalten nicht vollständig
Wenn wir verstehen, dass zwischen Situation und Verhalten Verarbeitung stattfindet, haben wir damit noch keine vollständige Erklärung für ein Verhalten.
Wir wissen dann noch nicht automatisch:
- was ein Mensch gerade wahrgenommen hat,
- was für ihn wichtig war,
- welche Erfahrungen eine Rolle spielen,
- welche Kapazitäten gerade verfügbar waren,
- oder welche inneren Konflikte gleichzeitig bestanden.
Wir wissen zunächst nur:
Verhalten ist das Ergebnis eines Verarbeitungsprozesses, den wir von außen nicht vollständig sehen können.
Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Nicht um eine perfekte Erklärung zu finden.
Sondern um vorschnelle Erklärungen zu vermeiden.
Und damit kommen wir zum Zustand
Denn Verarbeitung findet nicht unter immer gleichen Bedingungen statt.
Ein Mensch kann grundsätzlich etwas können und in einem bestimmten Moment trotzdem nicht darauf zugreifen.
Warum?
Weil sich die Voraussetzungen für die Verarbeitung verändern können.
Genau darum geht es auf der nächsten Seite:
Zustand & Kapazität verstehen
Was steht einem Menschen gerade zur Verfügung?
Und warum kann etwas, das grundsätzlich möglich ist, in einem bestimmten Moment trotzdem nicht erreichbar sein?
