Zustand und Kapazität verstehen

Du kannst etwas können und es trotzdem gerade nicht können.

Du weißt eigentlich, wie du mit einer Situation umgehen möchtest.

Du willst ruhig bleiben.

Du möchtest zuhören.

Du willst deinem Kind eine Grenze setzen, ohne laut zu werden.

Du möchtest auf eine Kritik sachlich reagieren.

Und trotzdem gelingt es dir in diesem Moment nicht.

Das bedeutet nicht automatisch, dass du es nicht kannst.

Vielleicht steht es dir gerade nicht zur Verfügung.

Damit sind wir bei zwei Begriffen, die für das Verständnis von Verhalten wichtig sind:

Zustand und Kapazität.


Zustand beschreibt, wie ein Mensch gerade verfügbar ist

Ein Mensch ist nicht in jeder Situation gleich.

Manchmal bist du wach, aufmerksam und kannst gut mit mehreren Dingen gleichzeitig umgehen.

Manchmal bist du müde, angespannt, überreizt oder mit etwas anderem beschäftigt.

Das verändert, wie du eine Situation wahrnimmst, wie du sie verarbeitest und welche Möglichkeiten dir gerade zugänglich sind.

Der aktuelle Zustand ist deshalb keine Eigenschaft deines Charakters.

Er sagt nicht:

„So bist du.“

Sondern:

„So bist du gerade verfügbar.“

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Denn ein Zustand kann sich verändern.


Kapazität ist nicht einfach eine feste Fähigkeit

Wenn wir sagen:

„Das kann ich.“

meinen wir meistens eine grundsätzliche Fähigkeit.

Aber zwischen etwas grundsätzlich können und es in diesem Moment nutzen können liegt ein Unterschied.

Du kannst grundsätzlich zuhören.

Du kannst grundsätzlich geduldig sein.

Du kannst grundsätzlich einen Konflikt besprechen.

Du kannst grundsätzlich eine Entscheidung treffen.

Trotzdem kann genau das in einem bestimmten Moment schwer oder gar nicht zugänglich sein.

Kapazität beschreibt in diesem Modell deshalb nicht einfach eine feste Eigenschaft eines Menschen.

Es geht darum, was für Verarbeitung und Handeln gerade zur Verfügung steht.


Kapazität kann gebunden sein

Stell dir vor, du musst gleichzeitig mehrere Dinge bewältigen.

Du versuchst zuzuhören.

Gleichzeitig denkst du darüber nach, was du noch erledigen musst.

Du bist müde.

Dein Kind braucht etwas.

Dein Handy klingelt.

Und nebenbei versuchst du, nicht die Geduld zu verlieren.

Du kannst vielleicht immer noch zuhören.

Aber ein Teil deiner verfügbaren Kapazität ist bereits gebunden.

Wenn immer mehr gleichzeitig verarbeitet werden muss, kann irgendwann etwas nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen.

Das bedeutet nicht:

„Ich kann das nicht.“

Sondern möglicherweise:

„Mir steht dafür gerade nicht genug zur Verfügung.“

Der Zustand eines Menschen ist von außen nicht direkt sichtbar.

Wir können aber beobachten, was jemand tut, wie jemand reagiert und welche Möglichkeiten gerade zugänglich oder nicht zugänglich erscheinen.

Daraus können wir Vermutungen bilden.

Das Zustandsbarometer ist dafür ein Werkzeug.

Es hilft dir, nicht vorschnell zu sagen: „Der ist trotzig“, „die will nicht“ oder „ich bin einfach überfordert“, sondern genauer zu fragen:

Wo könnte gerade Kapazität gebunden sein?

Die Antwort darauf ist keine Gewissheit. Sie ist eine Arbeitshypothese.


Deshalb ist Verhalten nicht nur eine Frage von Können oder Wollen

Wenn jemand etwas nicht tut, das er eigentlich kann, denken wir schnell:

„Er könnte es doch.“

Oder:

„Sie will einfach nicht.“

Manchmal stimmt das.

Aber wir können es nicht allein aus dem Verhalten wissen.

Ein Mensch kann eine Fähigkeit besitzen und sie in einem bestimmten Zustand trotzdem nicht nutzen können.

Das ist einer der Gründe, warum Verhalten allein keine ausreichende Erklärung liefert.

Wir müssen auch betrachten:

Was war in diesem Moment verfügbar?


Zustand ist keine Entschuldigung

Auch hier gilt:

Eine Erklärung für Verhalten nimmt der handelnden Person nicht automatisch die Verantwortung ab.

Wenn ich in einem ungünstigen Zustand laut werde, bleibt es mein Verhalten.

Wenn ich erschöpft bin und jemanden verletze, ist die Erschöpfung möglicherweise ein Teil der Erklärung.

Sie macht das Verhalten aber nicht automatisch in Ordnung.

Zustand und Kapazität helfen uns deshalb nicht dabei, Verantwortung abzugeben.

Sie helfen uns dabei, genauer zu verstehen, welche Möglichkeiten einem Menschen in diesem Moment tatsächlich zur Verfügung standen.

Und genau diese Unterscheidung ist wichtig:

Was kann ein Mensch grundsätzlich?

ist eine andere Frage als:

Was kann ein Mensch gerade nutzen?


Menschen sind nicht jederzeit gleich handlungsfähig

Je nachdem, was gerade gleichzeitig passiert, können unterschiedliche Möglichkeiten zugänglich sein.

Manchmal können wir:

  • zuhören,
  • nachdenken,
  • abwägen,
  • uns zurücknehmen,
  • eine andere Perspektive einnehmen,
  • eine Grenze setzen,
  • eine Lösung suchen.

Und manchmal gelingt davon deutlich weniger.

Nicht unbedingt, weil wir diese Fähigkeiten verloren haben.

Sondern weil gerade so viel andere Verarbeitung stattfindet, dass sie nicht ausreichend zugänglich sind.

Das beeinflusst auch, wie wir mit Konflikten umgehen können.

Denn einen Konflikt zu navigieren braucht Möglichkeiten.

Wenn diese Möglichkeiten gerade nicht ausreichend zur Verfügung stehen, wird Navigation schwieriger.


Und jetzt wird ein weiterer Unterschied wichtig

Wenn wir verstehen wollen, warum ein Mensch sich gerade so verhält, können wir deshalb verschiedene Dinge betrachten:

Was ist passiert?

Wie wurde es verarbeitet?

In welchem Zustand befindet sich der Mensch?

Was steht ihm gerade zur Verfügung?

Und manchmal passiert innerhalb eines Menschen gleichzeitig mehr, als von außen sichtbar ist.

Jemand kann gleichzeitig etwas wollen und etwas anderes brauchen.

Etwas tun wollen und es nicht schaffen.

Nähe suchen und Abstand brauchen.

Eine Grenze akzeptieren wollen und sich gleichzeitig dagegen wehren.

Auch das kann beeinflussen, was einem Menschen gerade zur Verfügung steht.

Damit kommen wir zum nächsten Teil:

Innere Konflikte verstehen

Denn manchmal ist das Entscheidende nicht nur, wie viel Kapazität gerade verfügbar ist.

Sondern:

Was passiert in einem Menschen gleichzeitig?