Handlungsfähigkeit verstehen

Was kann ein Mensch gerade tun?

Manchmal wissen wir genau, was wir eigentlich tun möchten.

Und trotzdem gelingt es uns in diesem Moment nicht.

Wir wissen, dass wir ruhig bleiben wollen – und werden laut.

Wir wissen, dass wir eine Pause brauchen – und machen trotzdem weiter.

Wir wissen, dass wir eine Grenze setzen könnten – und sagen trotzdem nichts.

Das bedeutet nicht automatisch, dass wir es nicht können.

Es kann bedeuten, dass uns diese Möglichkeit in diesem Moment nicht ausreichend zur Verfügung steht.

Darum geht es bei Handlungsfähigkeit.


Handlungsfähigkeit ist nicht dasselbe wie Können

Ein Mensch kann etwas grundsätzlich können und es in einem bestimmten Moment trotzdem nicht nutzen können.

Ein Kind kann beispielsweise wissen, dass es warten muss, und es in einer bestimmten Situation trotzdem nicht schaffen.

Ein Erwachsener kann grundsätzlich gut kommunizieren und in einem überfordernden Moment trotzdem nur noch angreifen oder sich zurückziehen.

Das Können ist damit nicht verschwunden.

Aber der Zugang dazu kann eingeschränkt sein.

Handlungsfähigkeit beschreibt deshalb nicht nur, was ein Mensch grundsätzlich kann.

Sie beschreibt, welche Möglichkeiten ihm gerade zugänglich sind.


Handlungsfähigkeit hängt mit dem aktuellen Zustand zusammen

Was einem Menschen zur Verfügung steht, ist nicht in jedem Moment gleich.

Der aktuelle Zustand beeinflusst, wie ein Mensch wahrnimmt, verarbeitet, unterscheidet und handelt.

Wenn viele Dinge gleichzeitig verarbeitet werden müssen, kann weniger verfügbar sein.

Dann wird es schwieriger, verschiedene Möglichkeiten zu erkennen, abzuwägen oder bewusst zwischen ihnen zu wählen.

Das kann von außen schnell wie Unwillen aussehen.

Oder wie fehlende Einsicht.

Oder wie eine bewusste Entscheidung gegen etwas, das die Person doch eigentlich besser wissen müsste.

Aber auch hier gilt:

Wir können von außen nicht sicher wissen, was einem Menschen gerade zur Verfügung steht.

Wir können nur beobachten, was er tut.


Handlungsfähigkeit ist nicht Selbstkontrolle

Handlungsfähigkeit bedeutet nicht, dass ein Mensch jederzeit ruhig, vernünftig oder kontrolliert handelt.

Auch eine spontane Reaktion ist eine Handlung.

Und auch eine bewusste Entscheidung kann eine schlechte Entscheidung sein.

Handlungsfähig zu sein bedeutet nicht immer alles richtig zu machen.

Es bedeutet Möglichkeiten zu haben, zwischen denen man sich entscheiden und mit denen man umgehen kann.

Welche Möglichkeit ich dann wähle, ist eine andere Frage.

Darum kann ein Mensch handlungsfähig sein und sich trotzdem für etwas entscheiden, das andere Menschen verletzt oder eine Grenze überschreitet.

Die Verantwortung für diese Entscheidung bleibt bestehen.


Handlungsfähigkeit kann größer oder kleiner werden

Handlungsfähigkeit ist kein fester Wert, den ein Mensch entweder besitzt oder nicht besitzt.

Sie kann sich verändern.

Ein Mensch kann morgens auf eine Situation anders reagieren als abends.

Er kann in einer ruhigen Umgebung andere Möglichkeiten haben als mitten in einer lauten, hektischen Situation.

Und er kann in einem Moment etwas schaffen, das ihm wenig später nicht mehr gelingt.

Das bedeutet nicht, dass der Mensch plötzlich ein anderer geworden ist.

Es bedeutet, dass ihm gerade andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen.


Was Regulation damit zu tun hat

Regulation und Handlungsfähigkeit hängen eng zusammen.

Wenn ein Mensch reguliert, verändert er seinen eigenen Zustand.

Dadurch können sich auch die Möglichkeiten verändern, die ihm gerade zur Verfügung stehen.

Regulation bedeutet deshalb nicht:

Ich werde endlich wieder brav, ruhig oder vernünftig.

Und Regulation bedeutet auch nicht, dass jemand anderes mich reguliert.

Regulation ist die eigene Aufgabe. Andere können sie unterstützen, aber nicht übernehmen.

Andere Menschen können Bedingungen schaffen, die Regulation erleichtern.

Sie können zum Beispiel Reize reduzieren, Abstand ermöglichen, Orientierung geben oder eine Situation anders gestalten.

Aber sie können die Regulation eines anderen Menschen nicht für ihn erledigen.


Handlungsfähigkeit macht Navigation möglich

Konflikte gehören zum Leben.

Nicht alles kann gleichzeitig passieren.

Nicht alle Bedürfnisse können gleichzeitig erfüllt werden.

Nicht alle Anforderungen lassen sich gleichzeitig erfüllen.

Das ist der Konflikt.

Was wir damit machen, ist Navigation.

Dafür braucht es Handlungsfähigkeit.

Denn um einen Konflikt zu navigieren, müssen überhaupt Möglichkeiten zugänglich sein.

Kann ich entscheiden?

Kann ich eine Grenze setzen?

Kann ich zuhören?

Kann ich eine andere Lösung suchen?

Kann ich etwas verschieben?

Kann ich einen Kompromiss eingehen?

Kann ich erkennen, dass ich gerade Abstand brauche?

Wenn davon gerade kaum etwas zugänglich ist, wird Navigation schwierig.


Wenn Handlungsfähigkeit fehlt

Wenn die verfügbaren Möglichkeiten immer kleiner werden, kann ein Mensch irgendwann nur noch reagieren.

Dann werden Konflikte nicht unbedingt größer.

Aber die Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen, werden kleiner.

Genau hier kann Eskalation entstehen.

Nicht, weil Konflikte grundsätzlich eskalieren.

Sondern weil in einem bestimmten Zustand nicht mehr genügend Handlungsfähigkeit vorhanden ist, um den Konflikt zu navigieren.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Der Konflikt ist nicht das Problem.

Die Frage ist, ob die Beteiligten gerade über genügend Möglichkeiten verfügen, mit ihm umzugehen.


Handlungsfähigkeit und Verantwortung

Eine eingeschränkte Handlungsfähigkeit kann Verhalten erklären.

Sie nimmt einem Menschen aber nicht automatisch die Verantwortung für sein Verhalten ab.

Beides kann gleichzeitig wahr sein:

Ein Mensch hatte in einer Situation nur wenige zugängliche Möglichkeiten.

Und dieser Mensch bleibt für sein Verhalten verantwortlich.

Verstehen bedeutet deshalb nicht, Verantwortung abzuschaffen.

Im Gegenteil:

Wenn wir genauer unterscheiden können, was einem Menschen gerade zur Verfügung steht, können wir auch genauer hinschauen, wo Verantwortung liegt und wo Veränderung möglich ist.


Worum es bei Handlungsfähigkeit geht

Handlungsfähigkeit bedeutet nicht, immer alles im Griff zu haben.

Sie bedeutet auch nicht, jederzeit vernünftig zu handeln.

Sie beschreibt, wie viele Möglichkeiten einem Menschen in einem bestimmten Moment tatsächlich zugänglich sind.

Diese Möglichkeiten können sich verändern.

Regulation kann dabei unterstützen, wieder mehr Handlungsspielraum zu gewinnen.

Und wenn Handlungsmöglichkeiten vorhanden sind, kann ein Mensch Konflikte navigieren.

Darum gehören diese drei Dinge zusammen:

Regulation verändert den eigenen Zustand.
Handlungsfähigkeit beschreibt die zugänglichen Möglichkeiten.
Navigation ist der Umgang mit dem, was gleichzeitig nicht zusammenpasst.

Konflikte verschwinden dadurch nicht.

Aber es können wieder mehr Möglichkeiten entstehen, mit ihnen umzugehen.