Wenn gerade nicht genug zur Verfügung steht
Du weißt vielleicht, was du eigentlich tun möchtest.
Und trotzdem funktioniert es gerade nicht.
Du möchtest zuhören und wirst laut.
Du möchtest eine Grenze setzen und findest keine Worte.
Du möchtest geduldig bleiben und merkst, dass du immer gereizter wirst.
Du möchtest eine Situation lösen und kommst trotzdem nicht weiter.
Das bedeutet nicht automatisch, dass du es nicht kannst.
Vielleicht steht dir gerade nicht genug zur Verfügung, um so zu handeln, wie du es eigentlich möchtest.
Hier kommt Regulation ins Spiel.
Regulation verändert den Zustand
Regulation bedeutet, den eigenen Zustand so zu beeinflussen, dass wieder mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen können.
Dabei kann ganz Unterschiedliches eine Rolle spielen:
Reize reduzieren.
Abstand gewinnen.
Orientierung herstellen.
Bewegung ermöglichen.
Eine Situation unterbrechen.
Verbindung herstellen.
Etwas sortieren.
Eine Anforderung verändern.
Zeit gewinnen.
Oder etwas loswerden, das gerade zu viel Kapazität bindet.
Regulation sieht deshalb nicht immer gleich aus.
Was einem Menschen hilft, kann für einen anderen Menschen völlig ungeeignet sein.
Und was in einem Moment funktioniert, muss in einem anderen Moment nicht funktionieren.
Regulation ist keine Beruhigung
Regulation wird häufig mit Ruhe gleichgesetzt.
Aber ein regulierter Mensch muss nicht still, entspannt oder angenehm sein.
Manchmal bedeutet Regulation, sich zu bewegen.
Manchmal, laut zu werden und dabei trotzdem handlungsfähig zu bleiben.
Manchmal bedeutet Regulation, eine Grenze zu setzen.
Manchmal bedeutet sie, Abstand zu nehmen.
Entscheidend ist nicht, wie ruhig jemand von außen wirkt.
Entscheidend ist, ob wieder mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen.
Regulation schafft nicht automatisch Ruhe. Sie kann Handlungsspielraum schaffen.
Regulation beginnt nicht mit der Frage: Was stimmt mit mir nicht?
Wenn Handlungsfähigkeit gerade eingeschränkt ist, liegt die Erklärung nicht automatisch in einem persönlichen Defizit.
Vielleicht ist gerade zu viel gleichzeitig da.
Vielleicht ist Kapazität an einer Stelle gebunden.
Vielleicht passt die aktuelle Situation nicht zu dem, was gerade zur Verfügung steht.
Das Zustandsbarometer kann dabei helfen, genauer hinzuschauen:
Wo könnte gerade Kapazität gebunden sein?
Es liefert keine Gewissheit.
Es hilft, Beobachtungen zu sortieren und Vermutungen zu bilden.
Denn bevor sich etwas regulieren lässt, müssen wir überhaupt eine Idee davon bekommen, was gerade Einfluss auf den eigenen Zustand hat.
Regulation kann allein passieren
Manchmal regulieren wir uns selbst.
Wir gehen aus einer Situation.
Wir machen eine Pause.
Wir bewegen uns.
Wir reduzieren Reize.
Wir schlafen.
Wir sortieren Gedanken.
Wir suchen Orientierung.
Wir verändern eine Anforderung.
Wir entscheiden uns bewusst für Abstand oder Nähe.
All das kann den eigenen Zustand beeinflussen.
Regulation ist deshalb immer auch eine eigene Aufgabe:
Ich kann Einfluss auf meinen eigenen Zustand nehmen.
Aber damit ist Regulation noch nicht vollständig beschrieben.
Denn Menschen sind keine abgeschlossenen Systeme.
Co-Regulation
Auch andere Menschen beeinflussen unseren Zustand.
Ein Mensch kann durch seine Stimme beruhigen.
Durch seine Nähe Sicherheit geben.
Durch Abstand Entlastung schaffen.
Durch Orientierung helfen, wieder einen Überblick zu bekommen.
Durch einen passenden Rhythmus unterstützen.
Oder durch zusätzlichen Druck, Lautstärke, Unklarheit oder Bedrohung die verfügbare Kapazität weiter einschränken.
Das geschieht auch dann, wenn niemand bewusst versucht, den anderen zu regulieren.
Unser Zustand entsteht nicht unabhängig von unserer Umgebung.
Genau hier sprechen wir von Co-Regulation.
Co-Regulation bedeutet nicht, dass ein Mensch die Regulation des anderen übernimmt.
Es bedeutet, dass Menschen sich gegenseitig in ihrem Zustand beeinflussen und dass diese Beziehung den Zugang zu Handlungsfähigkeit erleichtern oder erschweren kann.
Besonders deutlich wird das bei Kindern
Ein Kind kann sich nicht in jeder Situation allein wieder aus einem Zustand heraushelfen.
Ein Erwachsener kann dann Bedingungen schaffen, die dem Kind helfen, wieder mehr Möglichkeiten zu bekommen.
Er kann Reize reduzieren.
Nähe anbieten.
Abstand ermöglichen.
Orientierung geben.
Eine Situation beenden.
Eine Anforderung verändern.
Oder einfach verfügbar bleiben.
Das ist keine Garantie dafür, dass das Kind sich so reguliert, wie der Erwachsene es gerne hätte.
Und es bedeutet auch nicht, dass der Erwachsene den Zustand des Kindes vollständig steuern kann.
Unterstützen ist möglich. Übernehmen nicht.
Regulation und Verantwortung sind zwei verschiedene Dinge
Wenn ein Mensch gerade wenig handlungsfähig ist, kann das erklären, warum ihm bestimmte Möglichkeiten nicht zur Verfügung stehen.
Es nimmt diesem Menschen aber nicht automatisch die Verantwortung für sein Verhalten ab.
Regulation ist kein Freibrief.
Wenn ich jemanden verletze, bleibt das meine Verantwortung.
Wenn ich eine Grenze überschreite, bleibt das meine Verantwortung.
Wenn ich mich aus einem Konflikt zurückziehe, bleibt auch das mein Verhalten.
Zu verstehen, was meinen Zustand beeinflusst, soll mir nicht helfen, Verantwortung abzugeben.
Es soll mir helfen, die aktuellen Möglichkeiten wahrzunehmen – und aktiv zu werden, damit wieder mehr Möglichkeiten zugänglich werden.
Regulation löst keinen Konflikt
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Konflikte entstehen, wenn mehrere Dinge gleichzeitig da sind, die nicht gleichzeitig zusammenpassen.
Das bleibt auch nach einer Regulation so.
Wenn ich Ruhe brauche und jemand anderes Nähe, gibt es diesen Unterschied weiterhin.
Wenn ich eine Entscheidung möchte und jemand anderes mehr Zeit braucht, verschwindet dieser Konflikt nicht dadurch, dass ich mich reguliere.
Was sich verändern kann, ist meine Fähigkeit, damit umzugehen.
Regulation verändert nicht unbedingt den Konflikt.
Sie kann verändern, wie viele Möglichkeiten mir zur Verfügung stehen, mit diesem Konflikt umzugehen.
Und damit wird Navigation möglich.
Regulation und Handlungsfähigkeit
Regulation und Handlungsfähigkeit hängen deshalb eng zusammen.
Wenn ich meinen eigenen Zustand beeinflusse, können sich meine verfügbaren Möglichkeiten verändern.
Vielleicht kann ich wieder zuhören.
Vielleicht kann ich eine Grenze formulieren.
Vielleicht kann ich zwischen mehreren Lösungen unterscheiden.
Vielleicht kann ich erkennen, dass ich gerade eine Pause brauche.
Vielleicht kann ich überhaupt erst wahrnehmen, dass mehrere Dinge gleichzeitig passieren.
Das bedeutet nicht, dass ich danach automatisch die richtige Entscheidung treffe.
Aber ich habe wieder mehr Möglichkeiten, eine Entscheidung zu treffen.
Regulation ist kein Zustand, den man einmal erreicht
Es gibt nicht den einen Zustand, in dem ein Mensch dauerhaft reguliert ist.
Wir verändern uns.
Situationen verändern sich.
Anforderungen verändern sich.
Kapazität ist unterschiedlich gebunden.
Deshalb ist Regulation nichts, das man einmal lernt und dann für immer beherrscht.
Sie ist ein fortlaufender Umgang mit dem eigenen Zustand.
Manchmal gelingt das gut.
Manchmal weniger gut.
Auch das ist keine Charakterfrage.
Und dann?
Wenn Regulation wieder mehr Möglichkeiten zugänglich macht, stellt sich die nächste Frage:
Was machen wir mit diesen Möglichkeiten?
Denn der Konflikt ist noch da.
Nicht alles kann gleichzeitig passieren.
Nicht alle Bedürfnisse können gleichzeitig erfüllt werden.
Nicht jede Anforderung lässt sich gleichzeitig erfüllen.
Jetzt beginnt die Navigation.
Verstehen zeigt, was gerade passieren könnte.
Regulation verändert die Bedingungen für die eigene Handlungsfähigkeit.
Navigation entscheidet, wie mit dem Konflikt umgegangen wird.
