Verhalten ist sichtbar. Aber es erklärt sich nicht von selbst.
Du siehst, dass dein Kind schreit.
Dein Partner zieht sich zurück.
Du wirst laut, obwohl du eigentlich ruhig bleiben wolltest.
Ihr streitet über dieselbe Sache zum wiederholten Mal.
Und meistens beginnt genau hier die Frage:
Warum macht er das?
Warum mache ich das?
Was stimmt hier eigentlich nicht?
Wir sehen zuerst das Verhalten.
Aber Verhalten ist nur das, was von außen sichtbar wird.
Wir sehen, was jemand tut.
Wir sehen nicht automatisch, warum jemand es tut.
Und genau deshalb beginnt Verstehen damit, genauer hinzuschauen.
1. Verhalten verstehen
Bevor wir nach einer Erklärung suchen, müssen wir unterscheiden:
Was ist tatsächlich passiert – und was denke ich darüber?
„Er ignoriert mich.“ vs. „Ich habe etwas gesagt und er hat nicht geantwortet.“
Das ist nicht dasselbe.
Das erste ist bereits eine Interpretation.
Das zweite beschreibt, was beobachtbar ist.
Diese Unterscheidung klingt klein. Sie verändert aber, wie wir eine Situation betrachten.
Denn dasselbe Verhalten kann unterschiedliche Gründe haben.
Und derselbe Mensch kann sich in unterschiedlichen Situationen ganz unterschiedlich verhalten.
Deshalb lässt sich aus Verhalten nicht einfach auf einen Charakter, eine Absicht oder einen inneren Zustand schließen.
Wir können beobachten. Wir können fragen. Wir können Vermutungen aufstellen. Aber wir können nicht direkt sehen, was im anderen Menschen passiert.
Und genauso wichtig ist die andere Richtung:
Eine mögliche Erklärung für ein Verhalten nimmt dem Menschen nicht die Verantwortung für dieses Verhalten ab.
Wenn ich schreie, habe ich geschrien. Wenn ich jemanden verletzte, habe ich jemanden verletzt. Wenn ich eine Grenze überschreite, bleibt es meine Verantwortung, dass ich sie überschritten habe.
Vielleicht gibt es dafür eine Erklärung.
Vielleicht war ich erschöpft, überfordert, wütend oder innerlich mit mehreren Dingen gleichzeitig beschäftigt.
Das kann wichtig sein, um mein Verhalten zu verstehen.
Aber es macht das Verhalten nicht automatisch in Ordnung.
Verstehen und Verantwortung gehören zusammen.
Ich kann mich fragen, was dazu geführt hat, dass ich mich so verhalten habe. Und gleichezeitig muss ich mich fragen, was ich mit meinem Verhalten mache.
Genau deshalb ist es wichtig, Verhalten nicht mit dem Menschen gleichzusetzen.
Ein Mensch ist nicht „ein Schreihals“, nur weil er geschrien hat.
Aber er ist auch nicht aus der Verantwortung, nur weil wir verstehen können, warum er geschrien hat.
Verstehen soll Verhalten erklärbarer machen.
Nicht verantwortungsloser.
2. Verarbeitung verstehen
Zwischen dem, was auf einen Menschen einwirkt, und dem, was er tut, passiert etwas:
Verarbeitung.
Ein Mensch bekommt ständig Informationen, Anforderungen und Reize mit.
Aber daraus entsteht nicht automatisch ein bestimmtes Verhalten.
Was ankommt, wie es verarbeitet wird und was daraus schließlich als Verhalten sichtbar wird, kann unterschiedlich sein.
Deshalb kann dieselbe Situation bei zwei Menschen etwas Unterschiedliches auslösen.
Und derselbe Mensch kann auf dieselbe Situation an einem anderen Tag anders reagieren.
Das bedeutet nicht, dass Verhalten zufällig ist.
Es bedeutet:
Zwischen Situation und Verhalten passiert etwas.
Wenn wir Verhalten verstehen wollen, müssen wir deshalb auch diesen Prozess mitdenken.
3. Zustand und Kapazität verstehen
Und dieser Prozess läuft nicht jeden Moment gleich ab.
Menschen sind nicht jederzeit gleich verfügbar.
Du kannst etwas grundsätzlich können und es in einem bestimmten Moment trotzdem nicht abrufen.
Du kannst wissen, was du sagen möchtest – und findest die Worte trotzdem nicht.
Du kannst wissen, dass du nicht schreien möchtest – und wirst trotzdem laut.
Du kannst eine Situation normalerweise gut aushalten – und an einem anderen Tag reicht ein kleiner Auslöser.
Der aktuelle Zustand beeinflusst, was einem Menschen gerade zur Verfügung steht.
Kapazität ist dabei keine feste Eigenschaft.
Sie kann für unterschiedliche Dinge unterschiedlich verfügbar sein. Sie kann gebunden sein. Sie kann durch das, was gerade gleichzeitig passiert, weniger zugänglich werden.
Deshalb ist die Frage
„Kann dieser Mensch das?“
nicht immer ausreichend.
Manchmal ist die wichtigere Frage:
„Kann er gerade darauf zugreifen?“
4. Innere Konflikte verstehen
Damit kommen wir zu einem weiteren Teil des Verstehens:
Was passiert innerhalb eines Menschen gleichzeitig?
Denn auch in uns kann Verschiedenes gleichzeitig passieren.
Du möchtest Nähe und brauchst gleichzeitig Abstand.
Du möchtest deinem Kind etwas ermöglichen und musst gleichzeitig eine Grenze setzen.
Du willst ruhig bleiben und bist gleichzeitig so aufgebracht, dass dir das gerade nicht gelingt.
Du willst helfen und brauchst selbst eigentlich eine Pause.
Mehrere Dinge können gleichzeitig wichtig sein.
Und nicht alles davon passt gleichzeitig zusammen.
Das sind mögliche innere Konflikte.
Dabei geht es nicht darum, hinter jedem Verhalten eine verborgene Erklärung zu finden.
Wir können das Innere eines anderen Menschen nicht direkt beobachten.
Wir können nur aus dem, was wir sehen und über die Situation wissen, Hypothesen bilden.
Verstehen bedeutet deshalb nicht, die eine richtige Erklärung zu finden.
Es bedeutet, die Situation so weit zu öffnen, dass mehr als die erste Bewertung möglich wird.
5. Konflikte verstehen
Konflikte gibt es nicht nur innerhalb eines Menschen.
Auch zwischen Mensch und Umgebung kann etwas gleichzeitig stattfinden, das nicht zusammenpasst.
Ein Kind möchte sich bewegen.
Die Situation verlangt, sitzen zu bleiben.
Jemand braucht Ruhe.
Gleichzeitig wird seine Unterstützung gebraucht.
Oder zwei Menschen wollen etwas Unterschiedliches.
Einer möchte reden.
Der andere möchte gerade nicht reden.
Nicht alles kann gleichzeitig passieren.
Das ist ein Konflikt.
Ein Konflikt ist deshalb zunächst nichts Ungewöhnliches und auch nicht automatisch ein Problem.
Konflikte gehören zum Leben.
Sie können
- innerhalb eines Menschen,
- zwischen Mensch und Situation
- oder zwischen Menschen
entstehen.
Und sie sind nicht dasselbe wie Streit.
Ein Streit ist eine Art, mit einem Konflikt umzugehen.
Auch Eskalation ist nicht der Konflikt selbst.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht „Wie verhindern wir Konflikte?“ sondern „Was passiert, wenn etwas nicht gleichzeitig möglich ist?“
6. Handlungsfähigkeit verstehen
Jetzt kommt eine Frage, die für das weitere Modell entscheidend ist:
Kann ein Mensch mit dem, was gerade passiert, überhaupt handlungsfähig umgehen?
Denn ein Konflikt kann vorhanden sein, ohne dass jemand streitet.
Zwei Menschen können unterschiedliche Bedürfnisse haben und trotzdem eine Lösung finden.
Ein Kind kann etwas nicht wollen und trotzdem mit einer Grenze umgehen.
Du kannst merken, dass du gerade wütend wirst, und trotzdem entscheiden, was du jetzt brauchst.
Das setzt Handlungsfähigkeit voraus.
Handlungsfähigkeit bedeutet nicht, immer die richtige Entscheidung zu treffen.
Und auch nicht, immer ruhig zu bleiben.
Sie beschreibt vielmehr, welche Möglichkeiten einem Menschen in diesem Moment tatsächlich zur Verfügung stehen.
Wenn ausreichend Möglichkeiten zugänglich sind, kann ein Mensch unterscheiden, entscheiden, reagieren, anpassen oder nach einer anderen Lösung suchen.
Wenn diese Möglichkeiten gerade nicht zugänglich sind, wird es schwieriger.
Dann kann Verhalten entstehen, das von außen unverständlich, unangemessen oder sogar provozierend wirkt.
Was Verstehen damit verändert
Wenn du Verhalten nur als Verhalten betrachtest, liegt die naheliegende Frage schnell bei:
„Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“
Das Konflikthelden-Modell geht einen Schritt zurück.
Nicht, um Verhalten zu entschuldigen.
Sondern um genauer zu verstehen, was gerade passiert.
Du kannst fragen:
Was ist tatsächlich zu beobachten?
Was interpretiere ich bereits?
Was könnte in der Verarbeitung passiert sein?
Was steht diesem Menschen gerade zur Verfügung?
Was könnte innerhalb des Menschen gleichzeitig passieren?
Was passt zwischen Mensch und Umgebung nicht zusammen?
Was passiert zwischen den Beteiligten?
Und wie handlungsfähig sind die Beteiligten gerade?
Diese Fragen führen nicht automatisch zu einer einzigen Antwort.
Aber sie verändern den Blick.
Und dieser Blick ist die Grundlage für den nächsten Schritt:
Regulieren
Denn Verstehen allein macht mich noch nicht handlungsfähig.
Wenn gerade zu wenig zur Verfügung steht, muss nicht zuerst der Konflikt gelöst werden.
Dann geht es zunächst darum, Bedingungen so zu verändern, dass wieder mehr möglich wird.
Das ist Regulation.
Und erst wenn wieder ausreichend Handlungsfähigkeit vorhanden ist, können wir mit dem umgehen, was trotzdem nicht gleichzeitig möglich ist.
Das ist Navigation.
