Wir sehen, was ein Mensch tut. Aber nicht automatisch, warum.
Jemand wird laut.
Ein Kind schlägt.
Ein Partner zieht sich zurück.
Du sagst etwas, das du später bereust.
Das Verhalten ist sichtbar.
Und meistens ist genau das der Punkt, an dem unser Problem beginnt:
„Warum macht der das?“
„Warum macht sie das immer wieder?“
„Warum reagiere ich jedes Mal so?“
Wir sehen, was passiert.
Aber wir sehen nicht automatisch, was dazu geführt hat.
Genau hier beginnt Verhalten verstehen.
Erst einmal: Was ist tatsächlich passiert?
Wenn uns ein Verhalten stört, bewerten wir es oft sehr schnell.
„Er provoziert mich.“
„Sie ist respektlos.“
„Mein Kind hört einfach nicht.“
„Ich bin zu empfindlich.“
Damit haben wir aber schon eine Erklärung oder Bewertung hinzugefügt.
Etwas genauer wäre:
„Er hat mich unterbrochen.“
„Sie ist aus dem Raum gegangen.“
„Ich habe Nein gesagt aber mein Kind hat weitergemacht.“
„Ich bin laut geworden.“
Das klingt vielleicht klein.
Ist es aber nicht.
Denn wenn wir verstehen wollen, was passiert, müssen wir zunächst unterscheiden können:
Was habe ich tatsächlich beobachtet – und was schließe ich daraus?
Verhalten ist nicht gleich Absicht
Dass jemand sich auf eine bestimmte Weise verhält, bedeutet nicht automatisch, dass wir wissen, was er damit bezweckt.
Jemand kann sich zurückziehen.
Das kann vieles bedeuten.
Vielleicht möchte die Person Abstand.
Vielleicht weiß sie gerade nicht, was sie sagen soll.
Vielleicht ist ihr alles zu viel.
Vielleicht möchte sie einen Streit vermeiden.
Vielleicht möchte sie tatsächlich den anderen bestrafen.
Von außen sehen wir zunächst nur:
Die Person hat sich zurückgezogen.
Welche Erklärung zutrifft, können wir nicht allein aus dem Verhalten wissen.
Das gilt auch für uns selbst.
Manchmal verstehen wir erst im Nachhinein, warum wir etwas getan haben.
Dasselbe Verhalten kann Unterschiedliches bedeuten
Ein Kind schreit.
Ein Erwachsener schreit.
Zwei Menschen tun äußerlich dasselbe.
Und trotzdem muss nicht dasselbe dahinterstecken.
Auch derselbe Mensch kann sich in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich verhalten.
Was gestern funktioniert hat, funktioniert heute vielleicht nicht.
Was mit einem Menschen möglich ist, kann mit einem anderen anders aussehen.
Deshalb ist Verhalten kein festes Persönlichkeitsmerkmal.
Ein Mensch, der einmal laut wird, ist nicht automatisch „ein aggressiver Mensch“.
Ein Kind, das sich verweigert, ist nicht automatisch „unkooperativ“.
Und jemand, der sich zurückzieht, ist nicht automatisch „beziehungsunfähig“.
Verhalten ist Verhalten.
Nicht die ganze Person.
Aber Verstehen bedeutet nicht Entschuldigen
Hier ist eine wichtige Grenze:
Nur weil wir nach einer Erklärung suchen, müssen wir ein Verhalten nicht gutheißen.
Wenn ich jemanden anschreie, habe ich ihn angeschrien.
Wenn ich eine Grenze überschreite, habe ich eine Grenze überschritten.
Wenn ich jemanden verletze, bleibt das meine Verantwortung.
Auch wenn es Gründe dafür gibt.
Auch wenn ich erschöpft war.
Auch wenn ich überfordert war.
Auch wenn ich innerlich mit etwas anderem beschäftigt war.
Eine Erklärung für Verhalten nimmt der handelnden Person nicht automatisch die Verantwortung für ihr Verhalten ab.
Genau deshalb sind zwei Fragen gleichzeitig möglich:
Was passiert hier gerade?
und
Wie gehe ich mit meinem Verhalten um?
Beides gehört zusammen.
Verhalten zeigt etwas – aber nicht alles
Verhalten ist also ein wichtiger Ausgangspunkt.
Es zeigt uns, was ein Mensch gerade tut.
Aber es zeigt uns nicht automatisch:
- welchen Zustand ein Mensch gerade hat,
- was er verarbeitet,
- welche Bedürfnisse oder Anforderungen gleichzeitig wirksam sind,
- welche Möglichkeiten ihm gerade zur Verfügung stehen,
- oder welcher Konflikt dahinterstehen könnte.
Das müssen wir erst verstehen.
Und dabei können wir nur Hypothesen bilden.
Wir können nicht in den Kopf eines anderen Menschen schauen.
Deshalb ist eine Erklärung immer eine Annahme, solange wir sie nicht wissen.
Das bedeutet nicht, dass wir nichts verstehen können.
Es bedeutet:
Wir sollten unsere Erklärungen nicht mit der Beobachtung verwechseln.
Eine andere Frage
Statt sofort zu fragen:
„Was stimmt mit diesem Menschen nicht?“
können wir anfangen zu fragen:
„Was passiert hier gerade?“
Und statt:
„Warum macht er das absichtlich?“
können wir fragen:
„Was könnte dazu führen, dass er sich gerade so verhält?“
Genau dafür kann das Zustandsbarometer eine erste Orientierung geben.
Es liefert keine Diagnose und sagt uns nicht was in einem Menschen „wirklich“ los ist.
Es hilft dabei, aus beobachtbaren Anzeichen begründete Vermutungen zu bilden.
Nicht, weil dadurch jedes Verhalten verständlich oder akzeptabel wird.
Sondern weil wir damit offen bleiben für das, was wir noch nicht wissen.
Danach folgt der nächste Schritt:
Verarbeitung verstehen
Denn wenn Verhalten nicht einfach eine direkte Abbildung dessen ist, was von außen passiert, stellt sich die nächste Frage:
Was passiert eigentlich zwischen dem, was ein Mensch erlebt, und dem, was er anschließend tut?
