Konflikte sind nicht das Problem
Konflikte gehören zum Leben.
Sie entstehen nicht erst dann, wenn jemand laut wird, sich zurückzieht oder zwei Menschen miteinander streiten.
Ein Konflikt ist zunächst etwas viel Einfacheres:
Mehrere Dinge sind gleichzeitig da, passen aber nicht gleichzeitig zusammen.
Das kann innerhalb eines Menschen passieren. Zwischen einem Menschen und seiner Umgebung. Oder zwischen mehreren Menschen.
Der Konflikt selbst ist dabei noch kein Problem.
Die Frage ist vielmehr, was mit diesem Konflikt passiert.
Wenn etwas gleichzeitig da ist
Ein Mensch möchte Nähe und gleichzeitig seine Ruhe.
Ein Elternteil möchte sein Kind begleiten und braucht gleichzeitig eine Pause.
Ein Mensch möchte etwas tun und möchte es gleichzeitig nicht tun.
Ein Team möchte schnell entscheiden und gleichzeitig unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen.
Zwei Menschen wollen beide etwas, das sich im selben Moment nicht miteinander vereinbaren lässt.
All das sind Konflikte.
Nicht, weil jemand falsch liegt.
Sondern weil mehrere Dinge gleichzeitig da sind, die nicht gleichzeitig umgesetzt werden können.
Konflikte gibt es auf unterschiedlichen Ebenen
Ein Konflikt kann in einem Menschen entstehen.
Zum Beispiel, wenn verschiedene Wünsche, Bedürfnisse, Impulse oder Anforderungen gleichzeitig da sind und nicht gleichzeitig erfüllt oder umgesetzt werden können.
Ein Konflikt kann zwischen einem Menschen und seiner Situation entstehen.
Zum Beispiel, wenn das, was gerade von einem Menschen verlangt wird, nicht zu dem passt, was ihm in diesem Zustand zur Verfügung steht.
Und ein Konflikt kann zwischen Menschen entstehen.
Dann treffen unterschiedliche Bedürfnisse, Anforderungen, Ziele, Grenzen oder Wirklichkeiten aufeinander.
Diese Ebenen sind nicht voneinander getrennt.
Was in einem Menschen gleichzeitig passiert, beeinflusst, was ihm in einer Situation zur Verfügung steht. Und das beeinflusst wiederum, wie er mit anderen Menschen umgehen kann.
Konflikt ist nicht Verhalten
Ein Konflikt ist auch nicht das, was jemand tut.
Jemand kann laut werden. Jemand kann sich zurückziehen. Jemand kann nachgeben. Jemand kann eine Grenze setzen.
Das sind Verhaltensweisen.
Der Konflikt liegt möglicherweise darunter oder daneben.
Deshalb lässt sich aus einem Verhalten auch nicht automatisch ablesen, welcher Konflikt gerade vorliegt.
Wir können beobachten, was jemand tut.
Was gleichzeitig miteinander in Konflikt steht, müssen wir erschließen.
Und auch dann bleiben Erklärungen zunächst Hypothesen.
Konflikt ist nicht Streit
Ein Konflikt muss nicht als Streit sichtbar werden.
Zwei Menschen können einen Konflikt haben und trotzdem ruhig miteinander sprechen.
Ein Mensch kann einen inneren Konflikt haben, ohne dass jemand anderes etwas davon bemerkt.
Und auch ein scheinbares Nachgeben kann bedeuten, dass ein Konflikt nicht gemeinsam navigiert wurde, sondern dass eine Seite sich durchgesetzt hat oder eine andere Möglichkeit aufgegeben wurde.
Streit ist deshalb nicht gleich Konflikt.
Streit ist eine mögliche Art, mit einem Konflikt umzugehen.
Konflikt ist auch nicht Eskalation
Auch Eskalation und Konflikt sind nicht dasselbe.
Ein Konflikt bedeutet zunächst nur:
Etwas passt gleichzeitig nicht zusammen.
Eine Eskalation kann entstehen, wenn Menschen diesen Konflikt nicht mehr handlungsfähig navigieren können.
Dann werden die verfügbaren Möglichkeiten kleiner.
Das bedeutet:
Nicht der Konflikt selbst macht einen Menschen handlungsunfähig.
Entscheidend ist, ob die Beteiligten in ihrem aktuellen Zustand noch über genügend Möglichkeiten verfügen, mit dem Konflikt umzugehen.
Darum kann derselbe Konflikt in einem Moment ruhig und konstruktiv bearbeitet werden und in einem anderen Moment eskalieren.
Konflikte müssen nicht verschwinden
Wenn Konflikte zum Leben gehören, kann das Ziel nicht sein, sie vollständig zu verhindern.
Es wird immer Dinge geben, die gleichzeitig da sind und trotzdem nicht gleichzeitig möglich sind.
Die Frage ist deshalb nicht:
Wie schaffen wir alle Konflikte ab?
Sondern:
Wie können wir mit dem umgehen, was nicht gleichzeitig möglich ist?
Genau hier beginnt Navigation.
Manchmal braucht es eine Entscheidung.
Manchmal eine Grenze.
Manchmal einen Kompromiss.
Manchmal eine neue Lösung, die vorher noch nicht sichtbar war.
Manchmal muss etwas warten oder in eine andere Reihenfolge gebracht werden.
Und manchmal braucht es zunächst Regulation, damit überhaupt wieder genügend Handlungsfähigkeit vorhanden ist, um den Konflikt zu navigieren.
Verstehen heißt nicht gutheißen
Auch ein Konflikt erklärt nicht automatisch ein Verhalten.
Und eine mögliche Erklärung für ein Verhalten nimmt niemandem die Verantwortung für das eigene Verhalten ab.
Wenn ich einen Menschen anschreie, bleibt es meine Verantwortung, dass ich ihn angeschrien habe.
Wenn ich eine Grenze überschreite, bleibt es meine Verantwortung.
Wenn ich mich zurückziehe, bleibt auch das mein Verhalten.
Zu verstehen, welche Konflikte dabei eine Rolle spielen könnten, macht das Verhalten vielleicht nachvollziehbarer.
Es macht es nicht automatisch richtig.
Verstehen und Verantwortung gehören zusammen.
Konflikte sind da. Die Frage ist, wie wir mit ihnen umgehen.
Konflikte lassen sich nicht aus dem Leben entfernen.
Sie entstehen innerhalb von Menschen, zwischen Menschen und ihren Situationen und zwischen Menschen.
Sie sind zunächst keine Störung.
Sie zeigen, dass mehrere Dinge gleichzeitig da sind, die nicht gleichzeitig zusammenpassen.
Was daraus entsteht, hängt auch davon ab, wie viel Regulation und Handlungsfähigkeit gerade zur Verfügung stehen.
Denn erst dann wird aus einem vorhandenen Konflikt eine Frage der Navigation:
Was tun wir mit dem, was nicht gleichzeitig möglich ist?
Darum geht es im nächsten Schritt:
nicht darum, Konflikte zu verhindern,
sondern darum, sie navigieren zu können.
