In einem Menschen kann gleichzeitig mehr als eine Sache passieren.
Du möchtest deinem Kind Nähe geben.
Und gleichzeitig möchtest du einfach deine Ruhe.
Du möchtest deinem Partner zuhören.
Und gleichzeitig bist du so wütend, dass du gerade überhaupt nicht zuhören möchtest.
Du willst eigentlich ruhig bleiben.
Und gleichzeitig merkst du, wie du immer wütender wirst.
Du möchtest etwas tun.
Und gleichzeitig möchtest du genau das nicht tun.
Das wirkt von außen manchmal widersprüchlich.
Ist es aber nicht unbedingt.
Mehrere Dinge können gleichzeitig wahr sein.
Ein innerer Konflikt bedeutet nicht, dass mit einem Menschen etwas nicht stimmt
Wenn unterschiedliche Bedürfnisse, Wünsche, Anforderungen oder Impulse gleichzeitig da sind und nicht gleichzeitig zusammenpassen, kann ein innerer Konflikt entstehen.
Zum Beispiel:
Ich möchte Helfen.
Ich brauche gerade Ruhe.
Oder:
Ich möchte meinem Kind etwas erlauben.
Gleichzeitig muss ich eine Grenze setzen.
Oder:
Ich möchte die Aufgabe erledigen.
Gleichzeitig brauche ich dringend eine Pause.
Nichts davon muss „falsch“ sein.
Der Konflikt entsteht dadurch, dass nicht alles gleichzeitig möglich ist.
Das ist der entscheidende Punkt.
Ein innerer Konflikt ist deshalb nicht automatisch ein Problem.
Er gehört zum Menschsein.
Innere Konflikte können Verhalten beeinflussen
Wenn mehrere Dinge gleichzeitig wirksam sind, kann es schwieriger werden, eine Handlung auszuwählen.
Du willst eigentlich etwas sagen.
Dann entscheidest du dich doch für Schweigen.
Du möchtest gehen.
Dann bleibst du trotzdem.
Du möchtest dich entschuldigen.
Und gleichzeitig bist du noch so wütend, dass du es nicht schaffst.
Von außen kann das Verhalten widersprüchlich aussehen.
Vielleicht wirkt jemand unentschlossen.
Vielleicht zieht er sich zurück.
Vielleicht wird er laut.
Vielleicht wechselt er zwischen Annäherung und Rückzug.
Das Verhalten selbst sagt uns aber nicht, welcher innere Konflikt tatsächlich vorliegt.
Wir können ihn nicht von außen sicher erkennen.
Wir können nicht in andere Menschen hineinschauen
Das ist gerade bei inneren Konflikten wichtig.
Wenn dein Partner sich zurückzieht, weißt du nicht automatisch:
„Er braucht Abstand.“
Vielleicht stimmt das.
Vielleicht ist er verletzt.
Vielleicht weiß er nicht, was er sagen soll.
Vielleicht ist ihm die Situation gerade zu viel.
Vielleicht möchte er tatsächlich Abstand.
Wir können Vermutungen anstellen.
Aber wir sollten unsere Vermutung nicht mit der Wirklichkeit des anderen verwechseln.
Deshalb bedeutet „innere Konflikte verstehen“ nicht:
„Ich weiß, was in dir los ist.“
Sondern:
„Ich kann verschiedene Möglichkeiten in Betracht ziehen.“
Das schützt uns davor, aus einer Erklärung eine Wahrheit zu machen.
Auch das eigene Innere ist nicht immer eindeutig
Bei uns selbst scheint es zunächst leichter.
Wir können schließlich fragen:
„Was ist denn gerade mit mir los?“
Aber auch das ist nicht immer einfach.
Manchmal merken wir nur:
„Ich will hier weg.“
Oder:
„Ich kann das gerade nicht mehr.“
Oder:
„Ich will ihn eigentlich nicht anschreien, aber ich kann mich gerade kaum zurückhalten.“
Erst später wird vielleicht klarer, was gleichzeitig los war.
Und manchmal bleibt es auch unklar.
Verstehen bedeutet deshalb nicht, dass wir für jedes Verhalten eine perfekte innere Erklärung finden müssen.
Ein innerer Konflikt ist keine Entschuldigung
Auch hier gilt:
Ein innerer Konflikt kann erklären, warum ein Mensch sich gerade schwer damit tut, eine Situation zu bewältigen.
Er nimmt ihm aber nicht automatisch die Verantwortung für sein Verhalten.
Wenn ich gleichzeitig Nähe und Abstand möchte, darf ich trotzdem nicht einfach über die Grenze eines anderen Menschen gehen.
Wenn ich wütend bin und gleichzeitig verletzt, bleibt es meine Verantwortung, wie ich mit meiner Wut umgehe.
Wenn ich innerlich hin- und hergerissen bin, bleibt es meine Aufgabe, mit diesem Zustand umzugehen.
Verstehen erklärt. Es entscheidet nicht.
Innere Konflikte können auf andere Konflikte treffen
Und jetzt wird es für Beziehungen besonders interessant.
Denn das, was innerhalb eines Menschen passiert, bleibt nicht immer innerhalb dieses Menschen.
Wenn du gerade zwischen Nähe und Abstand schwankst, kann dein Gegenüber dein Verhalten erleben.
Du ziehst dich zurück.
Dein Partner erlebt Distanz und möchte mehr Nähe.
Er kommt dir näher.
Du ziehst dich noch weiter zurück.
Jetzt passiert etwas zwischen euch.
Vielleicht gibt es also gleichzeitig:
einen inneren Konflikt
und
einen Konflikt zwischen Menschen.
Das eine kann das andere beeinflussen.
Deshalb reicht es manchmal nicht, nur zu fragen:
„Was ist zwischen uns los?“
Manchmal müssen wir auch verstehen:
„Was passiert gerade in jedem von uns?“
Konflikte gibt es auf mehreren Ebenen
Ein Konflikt kann
- in einem Menschen entstehen,
- zwischen einem Menschen und seiner Umgebung
- oder zwischen Menschen.
Diese Ebenen können gleichzeitig vorhanden sein.
Und genau deshalb ist Verhalten manchmal so schwer einzuordnen.
Wir sehen vielleicht nur den Streit zwischen zwei Menschen.
Dabei bringt jeder von ihnen gleichzeitig sein eigenes Erleben, seinen eigenen Zustand und seine eigenen inneren Konflikte mit.
Der äußere Streit ist dann nicht unbedingt die ganze Geschichte.
Aber auch hier gilt:
Wir müssen nicht jede innere Dynamik kennen, um Verantwortung für unser eigenes Verhalten zu übernehmen.
Die wichtige Frage ist nicht: „Wer hat recht?“
Wenn wir innere Konflikte verstehen wollen, geht es zunächst nicht darum, einen Schuldigen zu finden.
Es geht um: Was passiert hier gleichzeitig?
Was möchte ich? Was brauche ich? Was wird gerade von mir verlangt? Was passt davon nicht zusammen? Und welche Möglichkeiten stehen mir gerade zur Verfügung?
Und damit kommen wir zur nächsten Ebene:
Konflikte verstehen
Denn innere Konflikte sind nur eine Form von Konflikten.
Die nächste Frage lautet:
Was passiert, wenn das, was gleichzeitig nicht zusammenpasst, zwischen Mensch und Umgebung oder zwischen Menschen entsteht?
