Navigieren

Nicht alles kann gleichzeitig passieren

Du möchtest etwas.

Jemand anderes möchte etwas anderes.

Du möchtest Abstand und dein Gegenüber braucht Nähe.

Du möchtest eine Entscheidung treffen und jemand anderes braucht noch Zeit.

Dein Kind möchte weiterspielen und du möchtest jetzt los.

Beides kann gleichzeitig wichtig sein.

Aber nicht alles kann gleichzeitig passieren.

Genau hier beginnt Navigation.


Navigation bedeutet nicht, den Konflikt zu lösen

Ein Konflikt bedeutet, dass mehrere Dinge gleichzeitig da sind, die nicht gleichzeitig zusammenpassen.

Das verschwindet nicht einfach, weil wir uns regulieren.

Wenn zwei Menschen Unterschiedliches brauchen, brauchen sie möglicherweise nach wie vor Unterschiedliches.

Wenn eine Entscheidung getroffen werden muss, können nicht alle Möglichkeiten gleichzeitig umgesetzt werden.

Navigation bedeutet deshalb nicht:

Wie schaffen wir es, dass der Konflikt verschwindet?

Sondern:

Wie gehen wir mit dem um, was gerade nicht gleichzeitig möglich ist?


Dafür brauchen wir Handlungsfähigkeit

Navigation setzt voraus, dass überhaupt Möglichkeiten zugänglich sind.

Kann ich unterscheiden, worum es gerade geht?

Kann ich meine eigene Position wahrnehmen?

Kann ich die Position des anderen berücksichtigen?

Kann ich eine Grenze setzen?

Kann ich eine Entscheidung treffen?

Kann ich eine andere Möglichkeit suchen?

Kann ich etwas verschieben?

Kann ich einen Kompromiss eingehen?

Kann ich aushalten, dass nicht alles gleichzeitig erfüllt werden kann?

Je mehr Möglichkeiten zugänglich sind, desto mehr Möglichkeiten gibt es, einen Konflikt zu navigieren.

Deshalb gehören Regulation und Navigation zusammen.

Regulation kann den Zustand verändern.

Handlungsfähigkeit kann dadurch wieder größer werden.

Und dann können wir navigieren.


Navigation kann unterschiedlich aussehen

Es gibt nicht die eine richtige Art, einen Konflikt zu navigieren.

Manchmal braucht es ein klares Entweder-oder.

Etwas kann in diesem Moment nur so oder so passieren.

Manchmal ist ein Kompromiss möglich.

Beide Seiten bekommen einen Teil von dem, was ihnen wichtig ist.

Manchmal entsteht eine neue Lösung, an die vorher niemand gedacht hat.

Dann wird aus einem scheinbaren Entweder-oder etwas Drittes.

Manchmal braucht es eine Entscheidung.

Manchmal eine Grenze.

Manchmal eine Reihenfolge.

Manchmal einen Aufschub.

Und manchmal einen Umweg.

Navigation bedeutet deshalb nicht, immer einen Kompromiss zu finden.

Manchmal bedeutet sie auch, klar zu entscheiden.


Das Verkehrsbild

Im Straßenverkehr wollen verschiedene Menschen gleichzeitig irgendwohin.

Sie kommen aus unterschiedlichen Richtungen.

Sie wollen abbiegen, geradeaus fahren, wenden oder parken.

Diese Bewegungen passen nicht alle gleichzeitig zusammen.

Das ist kein Fehler des Verkehrs.

Der Verkehr funktioniert gerade deshalb, weil diese gleichzeitigen Bewegungen navigiert werden.

Ampeln geben eine Reihenfolge vor.

Vorfahrtsregeln schaffen Orientierung.

Menschen warten.

Sie fahren Umwege.

Sie treffen Entscheidungen.

Und manchmal muss jemand stehen bleiben.

Die Regeln verhindern nicht, dass unterschiedliche Wege gleichzeitig gewollt sind.

Sie helfen dabei, damit umzugehen.

So ähnlich ist es auch bei anderen Konflikten.


Navigation ist nicht immer gleich Verbindung

Wir wünschen uns häufig eine Lösung, bei der alle zufrieden sind.

Das kann passieren.

Es ist aber nicht immer möglich.

Manchmal bleibt eine Entscheidung für eine Person enttäuschend.

Manchmal muss jemand eine Grenze akzeptieren.

Manchmal kann ein Bedürfnis gerade nicht erfüllt werden.

Manchmal muss etwas warten.

Eine gute Navigation bedeutet deshalb nicht automatisch, dass niemand frustriert ist.

Sie bedeutet auch nicht, dass alle dasselbe bekommen.

Sie bedeutet:

Wir gehen bewusst damit um, dass nicht alles gleichzeitig möglich ist.


Navigation ist nicht einseitiges Durchsetzen

Ein Konflikt kann auch scheinbar verschwinden, weil eine Seite einfach gewinnt.

Eine Person setzt sich durch.

Die andere gibt nach.

Niemand streitet mehr.

Trotzdem muss der Konflikt nicht wirklich gemeinsam navigiert worden sein.

Auch Schweigen kann eine einseitige Navigation sein.

Oder Rückzug.

Oder das ständige Nachgeben einer Person.

Deshalb lohnt sich die Frage:

Was ist hier tatsächlich passiert?

Wurde eine Lösung gefunden?

Wurde entschieden?

Wurde eine Grenze gesetzt?

Wurde etwas verschoben?

Oder hat eine Seite ihre Möglichkeit aufgegeben, damit es wieder ruhig ist?


Das Zustandsbarometer hilft beim Hinschauen

Auch beim Navigieren kann das Zustandsbarometer eine erste Orientierung geben.

Nicht, um zu entscheiden, wer „reguliert“ oder „unreguliert“ ist.

Und auch nicht, um einem Menschen einen Zustand zuzuschreiben.

Sondern um zu fragen:

Wo könnte gerade Kapazität gebunden sein?

Denn manchmal versuchen wir, einen Konflikt zu navigieren, obwohl eine oder mehrere beteiligte Personen gerade kaum Möglichkeiten zur Verfügung haben.

Dann hilft es möglicherweise nicht, noch mehr Argumente zu liefern.

Vielleicht braucht es zunächst etwas anderes.

Mehr Zeit.

Weniger Reize.

Abstand.

Orientierung.

Bewegung.

Verbindung.

Oder eine Veränderung der Situation.

Das Barometer liefert dafür keine fertige Antwort.

Es hilft, genauer hinzuschauen und Vermutungen zu bilden.


Navigation braucht keine perfekte Kommunikation

Menschen müssen nicht immer ruhig und perfekt miteinander sprechen, damit Navigation möglich wird.

Sie müssen auch nicht immer alles verstehen.

Manchmal reicht eine klare Entscheidung.

Manchmal eine Grenze.

Manchmal ein Satz.

Manchmal ein „Jetzt nicht“.

Manchmal eine Pause.

Und manchmal braucht es mehrere Anläufe.

Navigation ist kein Kommunikationswettbewerb.

Es geht nicht darum, die perfekte Formulierung zu finden.

Es geht darum, mit der vorhandenen Situation so umzugehen, dass wieder etwas möglich wird.


Verantwortung bleibt bei den Beteiligten

Navigation bedeutet nicht, dass jemand für den anderen verantwortlich wird.

Ich bin für mein Verhalten verantwortlich.

Du bist für dein Verhalten verantwortlich.

Wir können uns gegenseitig beeinflussen.

Wir können uns unterstützen.

Wir können Bedingungen verändern.

Wir können gemeinsam Lösungen suchen.

Aber wir können die Verantwortung für das eigene Handeln nicht aneinander abgeben.

Auch ein schwieriger Zustand macht Verhalten erklärbarer.

Er macht es nicht automatisch richtig.


Konflikte gehören dazu

Wenn wir Konflikte als unvermeidbare Gleichzeitigkeit verstehen, verändert sich auch der Blick auf sie.

Wir müssen nicht jeden Konflikt verhindern.

Wir müssen nicht jeden Konflikt sofort lösen.

Und wir müssen nicht jede Unvereinbarkeit auflösen, bis alle zufrieden sind.

Manchmal reicht es, eine Entscheidung zu treffen.

Manchmal braucht es eine Grenze.

Manchmal braucht es Zeit.

Manchmal eine neue Lösung.

Und manchmal bleibt eine Spannung bestehen.

Auch damit können Menschen umgehen.


Verstehen. Regulieren. Navigieren.

Damit schließt sich der Kreis.

Verstehen hilft uns, genauer hinzuschauen.

Wir unterscheiden Verhalten von dem, was dahinter vermutet werden kann.

Wir betrachten Verarbeitung, Zustand, Kapazität und innere Konflikte.

Wir fragen:

Was könnte hier gerade passieren?

Regulation beeinflusst den eigenen Zustand.

Sie kann dabei helfen, dass wieder mehr Möglichkeiten zugänglich werden.

Allein oder mit Unterstützung anderer.

Die Frage lautet:

Was könnte meinen Zustand gerade verändern?

Navigation ist der Umgang mit dem Konflikt.

Nicht alles kann gleichzeitig passieren.

Also müssen wir entscheiden, Grenzen setzen, warten, teilen, einen Kompromiss finden, eine neue Lösung entwickeln oder einen anderen Weg nehmen.

Die Frage lautet:

Was machen wir mit dem, was nicht gleichzeitig möglich ist?

Das ist Konfliktkompetenz.

Nicht Konflikte zu verhindern.

Sondern sie verstehen, Regulation zu ermöglichen und mit dem, was nicht gleichzeitig zusammenpasst, handlungsfähig umzugehen.


Du möchtest nicht nur verstehen, sondern lernen, mit deinen Konflikten anders umzugehen?